Konzert-Kritiken
Alte Stellmacherei
Multikulturelle Klänge zwischen Orient und Okzident
Gitarrenduo Rangin bot ein Hörerlebnis für die Sinne / "Heiter bis melancholisch"
Rangin: Der Name dieses Gitarrenduos ist mit Bedacht gewählt. Was die beiden
Gitarristen und Komponisten Omid Bahadori und Michael Meyer aus Hannover
in der Alten Stellmacherei am Freitagabend musikalisch boten, reizte das Sensorium
der rund 50 Zuhörer mit bunten Klängen.
Lahstedt-Gadenstedt.
Rangin bedeutet farbenfroh auf Persisch und in diesem Sinne berühren die
Musiker mit zwei Akustikgitarren ihr Publikum - liefern suchende, fragende
Melodien neben virtuosem Spiel. Keine Sekunde lang erschöpfen sich Rhythmen
der Wiederholung - die beiden Gitarristen fangen an zu spielen, und es macht Sinn.
Beide beherrschen einen Grundrhythmus aus Stimmungen und Schwingungen
zwischen Orient und Okzident - multikulturelles Crossover, ein Stilmix aus Latin,
orientalischen Klängen, Flamenco, Funk und Jazz. Ihr Duo-Stil ist ein Dialog mit
wechselnden Rollen - starke Tempowechsel bei wilden, rhythmischen Stücken
und feine Tönen bei zarten Balladen wie "Café Paris". Die Eigenkompositionen
bestechen durch ein überraschend dichtes Klangspektrum, in das die beiden
Gitarristen all das hineinpacken, was sie ihre Spielkunst gelehrt hat. Immer
stimmungsvoll von beschwingt, heiter bis melancholisch erreichen sie mit ihren
Eigenkompositionen ihr Publikum, das sichtlich angetan ist. Ein wunderbares
musikalisches Vergnügen ist auch die Einbeziehung eher selten zu hörender
Instrumente, die Omid Bahadori zu Gehör bringt. Eine afrikanische Kalimba, ein so
genanntes Daumenklavier, spielt er voll mitreißendem Klangfluss. "Wasser auf Reisen"
heißt das Stück, und die Klänge plätschern, tropfen und fließen wie Sturzbäche mit
dem Gitarrenspiel von Michael Meyer zusammen. Melodisch ansprechend ertönt auch
eine griechische Buzuki, eine Langhalslaute, die das Gitarrenspiel perfekt ergänzt und
die Komposition "La Perla" zu einem ganz besonderen Akustikvergnügen macht.
Ein fantastischer Abend, den die beiden sympathischen Musiker, die seit 1998
zusammenspielen, mit kurzen Anekdoten und Erläuterungen verbal bereichern
und der mit viel Feingefühl, Temperament und musikalischer Finesse trotz zweier
Zugaben viel zu schnell vergeht.
Birthe Kußroll-Ihle
Haunscher Hof
Rangin - in Träumereien schwelgen
Der Frühling hat in der Kurstadt Bad Salzungen Einzug gehalten -zumindest war
im Kunsthaus Haunscher Hof ein verführerischer, intensiver Hauch zu spüren.
Formvollendet vertrieb das Gitarrenduo "Rangin" Winterkälte und frostige
Niedergeschlagenheit.
BAD SALZUNGEN - Schon die ersten Songs "Frühling" und "Gute Laune" lassen
freudige Mienen und herzlichen Applaus im fast ausverkauften Haunschen Hof
erblühen. Zart und anmutig wie ein Schneeglöckchenbeet, verwoben mit bunten,
frechen Krokussen, spielen Omid Bahadori und Michael Meyer voller Hingabe, mit
einem Lächeln in den Augen und auf den Lippen, ihre Eigenkompositionen.
Unaufgeregte Entspanntheit, Liebenswürdigkeit strahlen beide aus, wirken offen,
interessiert. Erstaunt ist das Duo darüber, wie gut das Salzunger Publikum über
Guarana Bescheid weiß. Dies ist ein belebender Pflanzenextrakt - und sehr lebendig
kommt auch der gleichnamige Song rüber. Exotisch klingt er, nach Strandurlaub unter
Palmen, heißen Nächten.
Im feinsten Latin-Groove werden wieselflink die Saiten gezupft. "Ein Reisender"
beschreibt den Lebensweg des Persers Omid Bahadori. Seit 16 Jahren lebt er in
Deutschland. Die märchenhafte, orientalische Melodie nimmt sogleich die Sinne
gefangen, ist melancholisch und sehnsuchtsvoll, aber auch voller Hoffnung und
Selbstvertrauen. Auf einem fliegenden Teppich erkunden die Gitarristen und ihr
Publikum die Landschaften der eigenen Fantasie. Solch einprägsame und expressive
Musik lässt in Träumereien schwelgen, löst Gefühle, Gedanken aus. Am Schluss legt
der lockenmähnige Künstler sanft den Kopf auf die Gitarre - ob er schon angekommen
ist? Das eindrucksvollste Stück des Abends ist sicherlich "L'eau on voyage". Ein selten
zu hörendes afrikanisches Instrument, die Kalimba, kommt hier zum Einsatz. Bahadoris
Exemplar ist allerdings etwas modifiziert. In a-Moll perlen die neun Metallzungen in
geheimnisvollen, unheimlich klaren Tönen. Eben wie "Wasser auf Reisen". Fremdartig
und sehr reizvoll glitzert das Lied, zerbrechlich und fragil.
Die Busuki - eine griechische Gitarre - singt hellenisch-mitreißend die typischen,
feierlich-beschwingten Landesmelodien, verbreitet gelöste Sirtaki & Retsina-Stimmung.
Seit sechs Jahren spielen die beiden in Hannover lebenden Künstler zusammen.
Autodidaktisch haben sie sich ihre Kunstfertigkeiten angeeignet, ohne Noten lesen
zu können. Umso beeindruckender sind die meist ruhigen, heiter-gefühlvollen
Kompositionen mit Tiefe und ausgefeilter Intensität, auch offen gegenüber
musikalischen Einflüssen wie Jazz und Funk. "Café Paris" fast am Ende des Abends
ist wie eine Umarmung, die man in diesem Augenblick so nötig braucht wie sonst
nichts auf der Welt.Nachdenkliche, balladeske, in sich selbst verlierende Melodielinien
sind tröstlich, geben Halt.
"Rangin" ist ein musikalisches Erlebnis der Extraklasse.
Es macht das Herz weit, lässt das Gesicht sich der Sonne zuwenden, lässt Glück und
Herzenswärme erblühen.
ANNETT WÖHLER